Winter­konzerte 2018

Unter der Leitung von Ingo Ingensand

Dienstag, 18. Dezember 2018
19:30, Kuppelsaal, TU Wien

Mittwoch, 19. Dezember 2018
19:30, Kuppelsaal, TU Wien

Wolfgang Amadeus Mozart

Klarinettenkonzert

A-Dur, KV 622

Christoph Zimper, Klarinette

Sergei Rachmaninow

Sinfonie Nr. 2

e-Moll, op. 27

I. Largo. Allegro moderato
II. Allegro molto
III. Adagio
IV. Allegro vivace

Eintrittskarten

18 €, Förderer & Absolventenverband 15 €, Studenten 10 €

Galerie

Winterkonzerte 2018

Wolfgang Amadeus Mozart

Klarinettenkonzert

A-Dur, KV 622

Das Konzert entstand im Jahr 1789 und ist damit eines der letzten voll­endeten Werke W. A. Mozarts. Ursprünglich für Bassetthorn angedacht, änderte Mozart es noch während der Kompositionsphase für den virtuosen Klarinettisten Anton Stadler zum Konzert für Klarinette.

Das Werk ist besonders lang und komplex und fällt außerdem durch die besondere Besetzung (weder Oboen noch Klarinetten im Orchester) in Bezug auf die besonders sanfte und transparente Klangfarbe im Orchester auf, durch den die Klarinette deutlich hervortreten kann. Im Konzert werden Virtuosität und Heiterkeit mit Tiefe und Ernst vereint. Die melancholische Stimmung, die das Klarinettenkonzert prägt, lässt darüber spekulieren, dass Mozart aufgrund seines sich verschlechternden Gesundheitszustandes bereits Abschied und Todesahnung anklingen ließ.

Die besonderen Ausmaße und Feinheiten des Stücks liegen wahrscheinlich Mozarts lebenslanger Liebe der Klarinette gegenüber zugrunde. Die damals verwendete Bassettklarinette wird allerdings heutzutage nicht mehr gespielt, sodass nötige Oktavversetzungen für die moderne Transposition getätigt wurden.

Das Konzert KV 622 erfreut sich seit seiner Entstehung größter Beliebtheit und ist nicht nur Standardrepertoire aller KlarinettistInnen, sondern dient als Vorbild aller seither komponierten Werke für Klarinette.

Aileen Ritter-Prieler

Sergei Rachmaninow

Sinfonie Nr. 2

e-Moll, op. 27

Lebens- oder Sinnkrisen folgt häufig enormer schöpferischer Aufschwung. Auf Sergei Rachmaninow jedenfalls trifft dies in höchstem Maße zu. Nach der Uraufführung seiner von Kritik und Publikum alles andere als wohl­wollend rezipierten 1. Sinfonie stürzte der gerade mal 24-jährige Komponist 1897 in ein seelisches Tief: „Wenn es je eine Zeit gab, in der ich Selbst­vertrauen hatte, so liegt sie lange zurück. Die Krankheit hat mich ein für allemal gepackt. […] Irgendwann werde ich wohl das Komponieren ganz aufgeben.“ Glücklicherweise wurde dieser für die Nachwelt wie eine schlimme Drohung anmutende Gedanke nicht zur Realität. Rachmaninow, der bereits als gefeierter Klaviervirtuose und Dirigent wirkte, gewährte der Verzweiflung keinen Raum, sondern begab sich in psychiatrische Behandlung. Erst rund 10 Jahre später jedoch wagte er sich wieder an ein großes sinfonisches Werk – seine Sinfonie Nr. 2 e-Moll, op. 27, an der er 1906 noch in Russland zu arbeiten begann. Aber auch die Jahre bis dahin ließ er nicht in kompositorischer Apathie und Tatenlosigkeit ver­streichen – im Gegenteil: 40 Klavierlieder, seine Cellosonate, die Opern Der geizige Ritter und Francesca da Rimini sowie das berühmte 2. Klavierkonzert und die Kantate Der Frühling schuf Rachmaninow und erhielt darüber hinaus für die beiden letzteren Werke und die heute Abend erklingende 2. Sinfonie in den Jahren 1904, 1906 und 1908 den begehrten Glinka-Preis der Petersburger Beljajew-Stiftung.

Doch trotz dieser großen Erfolge nagten noch immer Selbstzweifel an Rachmaninow. Inzwischen in Dresden weilend, um sich nach einer aufreibenden Stellung am Bolschoi-Theater in Ruhe dem Komponieren widmen zu können, schrieb er am 11. Februar 1907 an einen Freund: „Michail Slonow hat mir kürzlich berichtet, er habe durch die Zeitung erfahren, ich hätte eine neue Sinfonie fertiggestellt. Da solche Gerüchte möglicherweise auch an Dein Ohr gedrungen sind, will ich in ein paar Worten mitteilen, was es damit auf sich hat. Ich habe tatsächlich vor mehr als einem Monat diese Sinfonie abgeschlossen, allerdings – und das wäre notwendigerweise hinzuzufügen – nur in der Rohfassung. […] Bevor von ihr nicht die Reinschrift vorlag, wollte ich in der Welt nichts darüber verlauten lassen. Während ich mich also an die Erstellung der Endfassung machte, entfremdete ich mich immer mehr von dem Werk, bis es mir schließlich zuwider war. […] Ich persönlich kann nur sagen, dass ich mit diesem Werk zwar unzufrieden bin, es aber dennoch aufführen werde, wenn auch nicht früher als im Herbst, denn im Sommer beginne ich erst mit der Instrumentierung.“

Vom Landgut Iwanowka, rund 500 km südwestlich von Moskau, auf dem die Rachmaninows seit den 1890er-Jahren stets den Sommer verbrachten, brachte der Komponist jenen Freund per Brief auf den neuesten Stand: „Die Arbeit geht schrecklich schwer vonstatten. […] Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich in diesen zwei Wochen nur die Einleitung und das erste Thema mit der Überleitung, also 25 Seiten, geschafft habe. Wenn ich nicht das Tempo beschleunigen kann (worauf ich all meine Hoffnungen richte!), werde ich erst in einem halben Jahr mit der Sinfonie fertig!“

Da ihm Ende August die Arbeit noch immer schwer von der Hand ging, sollte er mit seiner Prognose Recht behalten. Erst zum Jahresende 1907 stellte er die Instrumentierung fertig und brachte die Sinfonie unter eigener Leitung äußerst erfolgreich am 28. Januar 1908 in St. Petersburg zur Uraufführung. So konnte bereits wenige Tage später, am 2. Februar, im Rahmen des Fünften Konzertes der Philharmonischen Gesellschaft auch die Moskauer Erstaufführung über die Bühne gehen.

Die Musiksprache Rachmaninows ist einzigartig und unverkennbar, besitzt dabei aber eine deutlich nationale Färbung. Auch beim Hören der 2. Sinfonie sieht man sich auf rauschende russische Feste, ins Ballett oder aber in die Weiten russischer Landschaften versetzt. Rachmaninow jedoch verzichtete gänzlich auf das wörtliche Zitieren von Volksmelodien, obwohl man diese immer wieder klar zu vernehmen glaubt, was das große Wissen des Komponisten über die Besonderheiten der Volksmusik beweist. „Man könnte Rachmaninows Zweite Sinfonie auch als ‚russische lyrische Sinfonie‘ bezeichnen, so schlicht und eingängig sind ihre Themen, und so natürlich und ungezwungen vollzieht sich ihre Entwicklung“ brachte dies Konstantin Kuszenow auf den Punkt. Zudem zeigt sich – wie häufig im Schaffen Rachmaninows, in der 2. Sinfonie jedoch in hohem Maße – der „Kampf der finsteren und bedrückenden Mächte gegen jene des Lichtes und der Lebensbejahung“ (Olga Sokolowa).

Der 1. Satz Largo. Allegro moderato in e-Moll zeichnet sich durch seine überwiegend düster-melancholische Stimmung aus. Als grundlegend für diesen Satz sowie letztlich die gesamte Sinfonie erweist sich das siebentönige, in Tonschritten um eine große Terz kreisende Themenmotiv der Largo-Einleitung, das in regelmäßigem Achtelrhythmus von den Violinen exponiert wird. In weiterer Folge wandern die melodischen Motive durch verschiedene Instrumentengruppen, gewinnen mal mehr Gewicht, mal werden sie schwächer bis eine kurze Englischhornmelodie zum Allegro moderato überleitet. Auch das leidenschaftlich-ungestüme Thema des schnellen Teils – melodisch-strukturell aus dem 7-Ton-Motiv der Einleitung abgeleitet – wird zunächst von den Violinen vorgetragen. Die Musik drängt unverkennbar vorwärts, wirkt dabei aber gleichzeitig gehemmt, sodass der Satz durch häufige Temposchwankungen und Verzögerungen besonders geprägt ist. Das melodische Material wird immer energischer und spannungsreicher verpackt, macht nach einer Überleitung der Klarinette einer neuen, breiten Melodiephrase Platz, die von Triolenfiguren untermalt und kontrapunktiert wird und immer mehr Raum einnimmt. Ein Violinsolo eröffnet mit dem weitergesponnen 7-Ton-Motiv den Durchführungsteil, in dem beide thematischen Gebilde wiederkehren und spannungsgeladen miteinander verwoben werden. Am Ende kehrt der Satz wieder zum ursprünglichen 7-Ton-Motiv und zur düsteren Stimmung des Beginns der Einleitung zurück.

An zweiter Stelle steht ein Allegro molto in der subdominantischen Tonart a-Moll und bietet an Scherzostelle einen enormen Kontrast zum voran­gehenden Satz. Auch im Satz selbst arbeitete Rachmaninow besondere Gegensätze heraus, die auch dem Musikkritiker Juli Engel nach der Moskauer Erstaufführung besonders im Gedächtnis geblieben sind: „Der Satz besticht durch seinen unendlichen Kontrastreichtum. Sowohl in der Themenentwicklung als auch in der Instrumentierung erscheint er wie ein ständig seine Farben wechselndes Chamäleon, bewahrt aber dennoch Transparenz und innere Geschlossenheit. Man möchte meinen, dieser Satz der Sinfonie wäre der beste von allen, aber wenn man sich dann die anderen vergegenwärtigt, beginnt man zu schwanken.“ Ein pulsierendes Begleitmotiv in Verbindung mit einem etwas gröberen Thema kehrt rondoartig immer wieder im Verlauf des Satzes in Erscheinung. Ein durch Triolen gekennzeichnetes Oboenmotiv leitet schon bald zu einer kantabel fließenden „russischen“ Streichermelodie über, die verebbt und wenig später wieder von dem pulsierenden Rhythmus des Hauptthemas abgelöst wird. In etwas ruhigerem Tempo folgen eher unvermittelt eine marcato vorzutragende Fuge sowie ebenso russisch klingende Blechbläser­passagen. Über diesen begleiten die Streicher in Achtelketten, die wieder den Themenkopf des Einleitungsthemas um­fassen. Das erste und zweite Thema gewinnen erneut die Überhand bevor der 2. Satz „sich verlierend“ in düsterer Stimmung verebbt.

Der 3. Satz Adagio lässt in A-Dur nun erstmals Licht in die dunkle Atmosphäre der Sinfonie einfließen. Durch eine melodische Sequenz der Streicher geebnet erhebt sich über vielgestaltigen (triolischen) Begleit­stimmen eine schier unendliche, verträumt-sehnsuchtsvolle, elegische Klarinettenmelodie, die Rachmaninow einmal mehr als ungeheuer begabten Melodiker ausweist. Immer wieder verschafft sich die Klarinette hier Gehör, die Melodik wird aber auch insbesondere durch die Violinen aufgegriffen und weitergesponnen. Die in diesem Satz erzeugte friedvolle Stimmung lässt sich durch Anklänge an das 7-Ton-­Motiv der dunkel gefärbten Einleitung nicht vertreiben, sodass der Satz in größter Ruhe ausklingen kann. Der Rachmaninow-Biograf Boris Assafjew zog zu diesem Satz den bildlichen Vergleich zu Wasserläufen „auf ihrem Weg zu einem Fluss der russischen Steppe, der sich dort ungezwungen in vielen Wen­dungen den Weg bahnt. […] Man kann sich kaum der Schönheit dieser Musik versagen: ihrer allmählichen Aufstiege, Biegungen und Serpentinen, aber auch ihrer wiegenden Bewegung, wenn das melodische Bild nicht mehr umhin kann, als sich gleichsam gegen seinen Willen von jeder einzelnen der schönen Wendungen und Windungen zu verabschieden […]“

Im abschließenden Allegro vivace wird die melancholische Trübsal durch das beschwingt-freudige, jubelnde Geschehen in E-Dur endgültig vertrieben. Dem markanten Hauptthema wird ein helles, kantables, ebenso sämtliche Instrumentengruppen miteinbeziehendes Thema zur Seite gestellt. Auch ein melodisches Fragment aus dem dritten Satz mischt sich hier in das Geschehen. Die Sinfonie endet kraft- und effektvoll das Tempo noch etwas mehr beschleunigend.

Viola Lutgen

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